Nordschwarzwald. Pfinzgau.

Die Panoramabahn Ettlingen - Ittersbach - Pforzheim

Ein besonders ergiebiger Eisenbahnreliktraum findet sich südöstlich der Fächerstadt Karlsruhe, in den Schwarzwaldausläufern (Pfinzgau), wo sich zwar Stadtbahnlinien um Kurorte tummeln, alte Strecken oder Trassenteile ebenso um die Fotografengunst streiten.
Die nahe Goldschmiedestadt Pforzheim wird heute über die elektrifizierte Hauptbahn Karlsruhe-Stuttgart mit S-Bahnen angefahren, war seit der vorletzten Jahrhundertwende aber auch über eine reizvolle Kleinbahn erreichbar.
Zunächst ein stenographischer Kurzüberblick:

Jahr Ereignis Relikte
1899 Badische Local-Eisenbahn-AG eröffnet meterspurige Dampfbahn Karlsruhe - Ittersbach (Heute großteils Normalspur S11)
1900 Weiterführung nach Brötzingen (heute Pforzheimer Stadtteil) s.u.
1901 Strecke erreicht das Pforzheimer Zentrum (Leopoldsplatz) völlig umgebaut
1911 Stadt Pforzheim übernimmt Strecke Brötzingen-Pforzheim (Tram in Aufbau) Keine wg breiteren Straßen
1911 Elektrifizierung mit 8000V Wechselstrom (25Hz) bis Brötzingen (=Systemwechsel- und Umsteigestation) Mastfundamente
1918 Abbau der Fahrleitung nach Einstellung des Elektrobetriebes im Krieg  
1931 Stadt Pforzheim kauft Überlandabschnitt Ittersbach-Brötzingen; Elektrifizierung mit 1200V Gleichstrom Mastfundamente
1936 Erneute Elektrifizierung Busenbach-Ittersbach mit 8800V / 25Hz  
1964 Stillegung der Meterspurstrecke Busenbach (an der Strecke Karlsruhe-Herrenalb) - Ittersbach Widerlager, Feldweg, Damm
1966 Eröffnung normalspurige Stadtbahnstrecke Busenbach - Langensteinbach Süd (750V Gleichstrom) L. - L.Süd Wüstung
1968 Stillegung Ittersbach - Brötzingen nach Einstellung des Personenverkehrs (Güterverk. nur bis 1966) Trasse tw.Radweg, Brückchen
1975 Eröffnung neutrassierter Stadtbahnstrecke Langensteinbach - Ittersbach (über Spielberg) Alttrasse tw Forstwege
1977/79 Neutrassierungen bei Etzenrot und Reichenbach Alttrasse: Widerlager, Einschnitte
2004 Neutrassierung bei Busenbach mit großer Stahlbogenbrücke Rampe

Schematisches Streckenband

(Karlsruhe -) Busenbach - Langensteinbach - Ittersbach - Brötzingen  (- Pforzheim)

Karlsruhe - Ettlingen - 

Busenbach


Ittersbach

Panoramabahn

PF
Leopoldspl

Langensteinb

Brötzingen

km

0

5,0

12,6

 

29,3

32,0

Meterspur Lokalbahn 1899-1931
8000V ~ 1911-1917
Lokalbahn 1900-1931
8000V ~ 1911-1917

L 1901-11
T 1911-31
600V =

Meterspur Privatbahn 1931-1964
8800V ~ 1936-1964
Kleinbahn 1931-1968
1200V = 1931-1968
K 1931-68
600V=
Regelspur (AVG) 1966-
750V =
Neutrasse 1975-
750V =
km

0

14,1

Zwei Spurweiten, teilweise Trassenverschiebungen, Dampfbetrieb nebst vieler Strombetriebsarten (Busenbach-Ittersbach ab 1960 mit 50Hz, kurzer Einsatz eines Dreisystemtriebwagens!), mehrere Gesellschaften und Betriebsformen zusammen mit heutigem Privatbahn-S-Stadtbahnbetrieb ergeben eine hochlohnende Mischung.  Die detektivische Trassenarchäologie von Peter Schöler erlaubt eine Umschau interessierender Relikte:

A  Teilstrecke Busenbach - Ittersbach (Trasse heute teilweise S11)

1.  Steile Rampe nach BÜ bei Busenbach (Ersatzbrücke im Bau 2004)

Noch Bahnübergang mit L564 Steile Rampe bald entbehrlich (je 2004)
Blick von Rampe über ehem.BÜ zu Bf Busenbach Links neue Brücke, rechts alte Rampe... ...mit Leitplankenhangabstützung (je 2008)

2.  Kleinere begradigte Alttrasse vor Reichenbach  (Meterspur 1899-1964; Normalspur 1966-1977)

Fast vollständig verschwunden ist das alte Trassenstück westlich Reichenbach; zunächst Waldweg, dann vielleicht ein Widerlagerrest der Bachbrücke neben dem Steg eines Wanderweges, in der folgenden Wiese völlig abgegangen...
(Foto 2004)

3.  Ehemalige Haarnadelkurve südlich Reichenbach (Meterspur 1899-1964; Normalspur 1966-1979)

Die alte Haarnadelkurve bei Reichenbach samt Brückchen über die Landstraße nach Etzenrot lebt so fort:
Stück Waldweg (neben einem zweiten, älteren);
Wüstungsfläche an Stelle ehemaligen Damms (auf Foto links);
Brücke über Landstraße (hier Straßen-Alttrasse nun Parkplatz -auf Foto rechts-, neue Begradigung wenig westlich) völlig verschwunden, an Stelle östliches Widerlager Rampe zu Waldweg (auf Foto hinten); dieser auf Alttrasse.

4.  Alter Endpunkt Langensteinbach Süd

Von der temporären Wendeschleife Langensteinbach-St.Barbara ist überhaupt nichts mehr zu erkennen; die frühere strikt südlich weisende Alttrasse Richtung Ittersbach ist hier, am Rande der Bebauung, als birkengesäumter Fußweg zu erahnen, verliert sich jedoch im Zufahrts- bzw. Parkplatzgelände neuerer Rehakliniken.  Jenseits der Hauptstraße überdauert aber deutlich als Waldschneise die Urtrasse. 

5.  Alte Trasse im Wiesengrund (Meterspur 1899-1964)

Waldschneisen, Forst- bzw. Wirtschaftswege kennzeichnen diesen Abschnitt.  Vom alten Hp Waldschänke zeugt eine überwachsende Verbreiterung an der Forststraße.

Alttrasse Langensteinbach - Ittersbach
Erst wüst, dann Fußweg mit Tafel "Alte Bahntrasse" Nahe ehem Hp Waldschänke ein Waldweg, Blick Langensteinbach

 

B  Teilstrecke Ittersbach - Pforzheim  (kurz vor Stillegung 1968 von Tornado heimgesucht) 

1.  Reizvolle Panoramalage nordöstlich Ittersbach (Meterspur 1900-1968)

Stützmauer am ehem.Hp Feldrennach Waldweg Richtung Weiler
Nahe der Schleemühle nurmehr ein Widerlager Hohmühle:  Schwellenreste


2.  Querung des Pfinztales und ehem. Anschlussgleis südwestlich Weiler

Die mächtige Pfinzbrücke ist durch Gestrüpp meist unsichtbar, der Pfad auf der Trasse endet jenseits aber in einer großen Aufschüttung, die die Trasse ebenfalls unter sich begrub.  Das Gelände des einstigen Steinbruchs bzw. Kalkwerks ist von Einzelhäusern überbaut, die Trasse nun Zufahrt bzw. ungelittene Radwegquerung:

Toprelikt: mächtige Brücke über die Pfinz Stützmauer des ehem.Agl Kalkwerk / Steinbruch Layle


3.  Alter Bahnhof Ellmendingen; mächtiger Damm und Durchlass Höhe Niebelsbach 

Ehemaliger Bahnhof Ellmendingen (Straßenseite) Bahndamm mit Mastfundament

 

Bei diesem Punkt irrte ausnahmsweise Altmeister Wolff:  tatsächlich ließ der geschwungene Wirtschaftsweg samt Brückchen östlich Ellmendingen viele Bahnarchäologen an die Bahntrasse denken; das Studium militärischer Karten und mehrfache Erkundungen führten zur Enttarnung des südlicheren Bachdurchlasses.
Darüberhinaus verdient ein versteckter Brückenrest innert Privatgrundstücken in Dietlingen Beachtung.

Durchlass des Arnbaches


4.  Dämme und Einschnitte bei Dietlingen und Birkenfeld

Die Hanglage der Trasse bei Dietlingen ist trotz Bebauung noch deutlich zu erkennen; als Höhepunkt findet sich die Ruine einer kleinen Brücke - nur das nördliche Widerlager überdauert, viele schöne Sandsteinquader liegen geröllartig im Graben.  Die Trasse trennt hier offene Obstplantagen von den mehr oder minder kultivierten Hintergärten der Dorfsiedlung:

Wie eine Burgruine - Widerlagerrest Teils begehbare Wüsttrasse bei Dietlingen
Einschnitt südlich Dietlingen Vor Birkenfeld - klassischer Schotter


5.  Typische Umnutzung als Wirtschafts- /Rad- / Wanderweg bei Birkenfeld 
(elektrifiziert 1911-1918 und 1931-1968)

Im Norden Birkenfelds: über hundert Jahre alte Straßenbrücke (Oberleitungsaufhänger noch vorhanden!); auch die Erneuerungen der K4538 erforderten zwar massive Betonplatten und Flügelmauerverstärkungen, zerstörten aber nicht die historischen Sandsteinbögen -
wem das zu verdanken ist?

Birkenfeld:  alter Haltepunkt Einschnitt mit Radweg Richtung Pforzheim (rechts hinunter)


Bilder von 2004 - 2008.


Literatur:
Scharf/Wollny,  Die Eisenbahn im Nordschwarzwald, Freiburg 1995
Kurt Schwab,  Pforzheim-Ittersbach in GeraNova-Sammelwerk Neben- und Schmalspurbahnen 17.Lieferung 
Gerd Wolff,  Deutsche Klein- und Privatbahnen Band 1 Baden, Freiburg 1990
Dieter Höltge, Deutsche Straßenbahnen Band 6 Baden, Freiburg 1999

 

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