Westerwald.

Im Weg stehende Mittelgebirge

Zwischen den dichtbesiedelten Verdichtungsräumen RheinMain und Köln / Ruhr befinden sich mit dem Taunus und dem Westerwald zwei Mittelgebirge in einer verkehrshinderlichen Lage.  Die sechsspurige A3 hat jüngst zwar eine aufwändige Bahn-Hochgeschwindigkeitstrasse (wegen starker Neigungen nur für ICE3 befahrbar) zur Seite gestellt bekommen, jahrzehntelang waren aber teils große Umwege über die Flusstäler Rhein oder Lahn/Sieg für den Bahnverkehr notwendig.  Nicht zuletzt wertvolle Bodenschätze (Basalt, Erz, Ton) führten darüber hinaus zu einer recht ordentlichen Erschließung der hügeligen Hochflächen und unspektakulären Bachtäler.  Vergleicht man alte Landkarten mit der Lage heute, fällt die Abwesenheit vieler vieler Eisenbahnkilometer auf.  Der Reliktjäger wird also mannigfach fündig werden können.

Westerwald - mehrfach quer durch die Mitte

Die unseren "Untersuchungsraum" einrahmenden Strecken Ruhr-Sieg-, Sieg- und Lahntalbahn (diese trennt die Mittelgebirge) sowie rechte Rheinstrecke bleiben außen vor und so verbleibt unter der heutigen KBS 461 Limburg - Au eine einzige längere Personenzugstrecke.  Sie setzt sich zusammen aus dem Torso der Brexbachtal- und Holzbachtalbahn Engers (am Rhein) - Siershahn - Au (an der Sieg) mit der Oberwesterwaldbahn Limburg - Altenkirchen, wobei letzterer Knotenbahnhof nun zu "Spitzkehrenehren" gekommen ist.
Besagter Torso kann mit kleineren Relikten (um Seifen), mit einer einst einmündenden Strecke (Wiedtalbahn  Linz - Neustadt - Flammersfeld, ex KBS 194k) aufwarten und ist im südwestlichen Bereich als Brexbachtalbahn vielleicht noch nicht ganz "verloren".
Montabaur (nun mit ICE-Bahnhof) ist an der Unterwesterwaldbahn KBS 629 Limburg (Staffel) - Siershahn gelegen und war zwischen 1910 und 1981 über Westerburg (an der Querbahn) mit Herborn im Dilltal verbunden: diese 74km lange Strecke hat an Relikten das volle Programm zu bieten, Spitzkehre Erdbach, Tunnel, Viadukte und wird nur auf kleinen Teilstücken noch im Güterverkehr angefahren - vielleicht mit dem ersten Bahntrassenradweg im Westerwald zwischen Wallmerod und Westerburg.
Eine zweite, "obere" Westerwaldquerbahn Haiger (Dill) - Breitscheid - Driedorf - Stockhausen (Lahn) konnte nie vollendet werden; die beiden Torsi Haiger-Breitscheid ("Balkan-Express") mit langem Wasserscheidentunnel sowie Stockhausen - Beilstein (Ulmtalbahn) sind nun auch Geschichte.  Erwähnenswert die kleine Querverbindung Fehl-Ritzhausen - Erbach (mit großem Betonviadukt).

Bahnhofsverlegung Montabaur, einst Brücke über Aubach ...am westlichen Trassenstück aber noch da (2015)

Streckendaten:

ex KBS (Teil-) Strecke km Personenverk Stilllegung Relikte s.u.
251n Grenzau - Hillscheid 0-6,7 1911-1972 1972/96 Brücken A
251n Engers - Siershahn 0-21,7 1884-1989 1996/2001 7 Tunnel Brexbachtal B
Siershahn - Altenkirchen -61,1 1887-1984 1984/88 Tunnel Seifen (ex 2?) C
Altenkirchen - Au (Sieg) -74 1887- - KBS 461 D
251e Limburg - Altenkirchen 0-65,1 1886- - KBS 461 E
251m Limburg-Staffel - Siershahn 0-29,8 1884- - KBS 629 F
251h Herborn - Schönbach 0- 1906-1980 1985 2 Tunnel, Spitzkehre G
Schönbach - Rennerod -31,4 1910-1959/66 1966/84 Radweg H
Rennerod - Westerburg -48,3 1907-1981 1995 Stahlbrücke  K
Westerburg - Wallmerod -60,1 1910-1981 1983 Radweg L
Wallmerod - Montabaur -74,3 1910-1981 - Gv M
251c Haiger - Breitscheid 0-12,3 1926/39-80 1997 Rabenscheider Tunnel N
195g Stockhausen - Beilstein 0-15,1 1924-1976 1987 tw Radweg O
251k Linz - Kalenborn 0-8,9 1912-1960 MusV Kasbacher Viadukt P
Kalenborn - Neustadt (Wied) -22 1912-1960 1961/66 Tunnel Q
Neustadt (W) - Flammersfeld -43,4 1912-1945 1945/50 Tunnel, Brückenruinen R
251e Fehl-Ritzhausen - Marienberg 0-5,9 1907-1971 1971 tw. Radweg S
Marienberg - Erbach (Ww) -12 1911-1971 1996 Nistertalviadukt T

Kleine Foto-Umschau:

Vom Rhein an die Wied:  bei Linz erklimmt die alte KBS 194k (einst mit Zahnstange) über Kasbach (Viadukt) die Höhe von Kalenborn (nun Museumsbahn "Drachenland-Express") um dann über St.Katharinen (einstige Spitzkehre), Vettelschoß (Betonbrückenwiderlager) und das Hallerbachtal Neustadt (Wied) zu erreichen (schöner Tunnel); der weitere Verlauf im Wiedtal ist gespickt mit Relikten:

Vettelschoß: Damm abgetragen (für Parkplatz...)  Q   Massive Flügelmauern - am anderen Portal Betonverlängerung
Brückenruine  R nahe eines Campingplatzes  (je 1994)  R

Jüngste Vorbeifahrten -teils in der bewuchsarmen Jahreszeit- ließen weitere Bilddokumente entstehen.   Die reizvolle Situation bei Döttesfeld (sogenanntes Gleisdreieck) wird nun besonders gewürdigt und ist ein sehr lohnendes Wanderziel.  Als der örtliche Sportverein, die Amboss-Kickers die Wiese zwischen Wied und Wiedtalbahndamm als Sportplatz herrichteten, fanden sie einen gemauerten Brückenpfeiler vor und entschlossen sich, die Reliktlage mittels informativer Karte dem Besucher zu erläutern.  Neben besagtem Bahndamm, der seit 1945 nach vielfachen Brückensprengungen für immer stillgelegt blieb (s.a.o.), war hier eine Kruppsche Erzbahn (6km lang, Meterspur), die ebenso die Wied zu überbrücken hatte - neben dem Pfeilerrelikt ist der 38m Döttesfelder Tunnel ein Toprelikt mit Wanderweg.

Oben Wiedbahndamm, links Infotafel Die Bahn hier eine Urwaldtrasse Der Brüclenpfeiler der Grubenbahn

Links Wiedbahndamm, rechts Grubenbahnweg Der Tunnel der einstigen 1000mm-Kruppbahn Der Wanderweg führt durch (Blick von Süden) je 2016

Bei Bruchermühle nur über den Weg intakt... ...markante Brückenruine, r.o. Campingplatz bei... ...Peterslahr mit seinem Tunnel

Trassenteil auch Weg... ...oder Zufahrtsstraße (Neustadt/Wied), je 2015

 

 

Im Brexbachtal:  Relikte ohne Ende

Die reizvolle Strecke mit fünf Tunnels und mehreren Bachbrücken schien wegen starken Tonabfuhrverkehrs noch in den 1990ern nicht stilllegungsgefährdet zu sein;  hohe Unterhaltskosten machten aber auch ihr um die Jahrtausendwende den Garaus.
Ob Museumsverkehr, ÖPNV-Regional-Privat-Bahn-Rennaissance oder Traum-Radweg  -  noch scheint alles offen zu sein.
Manche Tunnelportale (Grenzau West) sind sehenswert, andere mit Betonverkleidung (Moosberg) kein Foto wert.

B
Blick zum Westportal des Sayn-Tunnel.  Rechts endet ein "eingewuchertes" Ausziehgleis.
     
Hüttenfelder Tunnel  B Tunnel folgt auf Tunnel  B
Burg-Tunnel bei km 4,3  B Abzweigbahnhof Grenzau - modellbahngerecht; links nach Hillscheid    A - B
Vor Hillscheid Beton-Wegunterführung   (je 1995)  A

 

Um Bad Marienberg - repräsentativer Ausschnitt:

Die Querverbindung zwischen der Oberwesterwaldbahn (heute KBS 461) und der Querbahn über Bad Marienberg war in zwei Etappen fertiggestellt worden; nach der recht frühen Einstellung des Personenverkehrs sowie der Teilstilllegung stellt sich die eingleisige Nebenbahn dem Betrachter so dar:
mächtiger Betonviadukt über das Nistertal, nun ohne Gleise aber begehbar, leider durch Waldwachstum nicht mehr gut fotografierbar; ein total versteckter und zugewachsener Natursteinviadukt in Bad Marienberg sowie geteerter Rad- und Wirtschaftsweg vor Fehl-Ritzhausen:

2004: Nistertal  (T) Bad Marienberg (S) Auf dem Viadukt 2012

 

Gebirgsbahn oder was ?

Tiefe felsige Einschnitte (nördlich Schönbach - li.), großartige Panoramen, eine alte Spitzkehre (Erdbach, u.), zwei Tunnel und mehrere Brücken machten eine Sommerrelikttour 1993 zu einem Erlebnis:

 

 

 

Blick zum Steinringsberg  G   Spitzkehre Erdbach bei km 8  (Zustand 1993)  G
Schönbach:  Brücke über den Mühlbach...  H ...und naher Tunnel (Zustand 1992)  H

Schon der östliche Beginn der Strecke weist mit der Dillbrücke ein markantes Relikt auf:

Mischung aus Mauerung und Stahlbogenträger Gesperrt, da bereits entkoppelt (2012)

 

Der Balkanexpress - ein unvollendeter Torso

Von Haiger im Dilltal schraubt sich eine großzügig trassierte Strecke auf die Höhen des Westerwaldes; sie sollte eine zweite Westerwaldquerung nach Stockhausen an der Lahn bieten können.  Nach Kriegsbedingter Bauunterbrechung wurde im nördlichen Ast der provisorische Endpunkt Breitscheid erst 1939 (!) erreicht - der 1114m lange Wasserscheidentunnel bei Rabenscheid forderte seinen Tribut und ist nun einer der längsten stillgelegten Vertreter seiner Zunft.
Bereits 1980 vom Personenverkehr "befreit", bewirkte die Gesamteinstellung Ende der 1990er Jahre mit dem Betonviadukt bei Flammersbach ein weiteres eisenbahnarchäologisch bedeutendes Reliktreiseziel.    Linktipp:  der-balkanexpress.de

Ostportal des Rabenscheider Tunnel 1993  N Einschnitt Flammersbach 2004  N  (vgl.o.!) Am Bhf Medenbach nur noch das Agl vorhanden ('12)

Der südliche Ast Stockhausen - Beilstein ist wegen unproblematischer Trassenführung im Ulmtal (bis 1991 abgebaut) kein primäres "Forschungsziel"; 2011 war aber neben einer netten Erinnerungstafel ein überwuchter Damm und ein kleines Brückle Zeitzeugen:

Biskirchen, ein kleines Denkmalensemble Die Trasse wurde über viele Wege überführt Im Ulmbachtal 2011 noch kein Radweg, nur Wüstung

 

Unvollendete bei Hergenroth

Die Oberwesterwaldbahn Limburg - Westerburg - Altenkirchen sollte nördlich Westerburg ursprünglich anders trassiert werden und wäre über Hergenroth - großzügige Kurve gen Westen und etwa 930m langen Tunnel unter dem Hergenrother Kopf verlaufen.  Diese "Unvollendete" ist noch deutlich zu erkennen - als teilabgetragener Damm bei Hergenroth, als Wirtschaftsweg samt Brücke ebenda sowie mit einer Höhle als Tunnelfragment (?) bzw. Tunnelvoreinschnitt (innerhalb Militärgelände).  Diese "Trasse" (dicht bewachsene Buschreihe) kreuzt die nun auch stillgelegte und einwachsende Strecke Westerburg - Rennerod rechtwinkling (direkt am geplanten Tunnelostportal, Durchlass für das abfließende Bergwasser) und nebenbei das längst stillgelegte Anschlussgleis eines Basaltwerkes, dessen Brückchen ebenfalls ruinös die Zeiten überdauert:

Oben 1995 stillgelegt   K Ex-Basalt-Agl-Brücke
Damm vor Hergenroth Trasse und alte Brücke Tunnelstelle (je 2004)

Besagte Untertunnelung des Hergenrother Kopfes war offensichtlich beidseitig baubegonnen worden, wenn nicht sogar -als Grubenbahn?-  fertiggestellt gewesen;  zur großen Überraschung des Autors konnten 2016 am südwestlichen Einschnitt relativ markante Ruinen vorgefunden werden:

Das Eingangsgewölbe 2016... ...innen nah der Vesturz

 

Die Westerwaldbahn

Unter diesem hochtrabenden Begriff verbirgt sich (neben der bekanntgewordenen Stichstrecke Betzdorf-Daaden) eine rührige Güterverkehrsbahn mit bewegter Geschichte.  Unweit des Hohen Westerwaldes im Dreiländereck NRW/Hessen/Rheinland-Pfalz mit Bergen um 650m Höhe liegt eine Art Bergbaudorado.  Basalt-, Klebsand-, Quarzit-, Braunkohle- und Erzvorkommen zwischen Sieg- und Nistertal führten seit dem 19.Jahrhundert zu einer Vielzahl von Seil- und Grubenbahnen; die Eisenbahnerschließung besonders des Raumes Nauroth muss wegen ihrer Umfänglichkeit mittels Spezial-Literatur studiert werden.  
Hier ein kleiner chronologisch-ruinöser Abriss:

8km lange meterspurige Grubenbahn Scheuerfeld - Steinebach (1893-1913) mit 282m langem Tunnel
Relikte:  Scheuerfelder Tunnel für Nachfolgebahn umgebaut und betrieben;  Dämme im Elbbachtal mit Brückchen

Die steinerne Grubenbahnbrücke nahe der Dauersberger Mühle

Kleinbahn Scheuerfeld - Nauroth von 1913 (bis Tunnel auf Grubenbahntrasse)
Relikte:  stillgelegte Trasse Bindweide-Nauroth 1931 (wg Neutrassierung, s.u.): Dämme bei Elkenroth und Nauroth

Vorne: WEBA-Güterbahn i.Betr., hinten Terrasse der ersten Naurother Strecke Waldpfad auf Damm der ersten Naurother Trasse
Laut Atlanten einst Brücke an Sportplatzweg - abgebaut ?

Verlängerungen in Form von Privatanschlussgleisen über Weitefeld / Friedewald / Emmerzhausen zwischen 1924 und 1936;  Personenverkehr ab 1939 (KBS 194j), eingestellt zwischen 1945 (Friedewald), 1950 (Nauroth) und 1959 (Reststrecke); Stilllegung 1970 (oberh Friedewald), 1977 (oberh Oberdreisbach).  Anschlussbahn zum Flugplatz Lippe (1939-45).
Relikte:  Dämme, Einschnitte, Feldwege, Militärstraßen

Neutrassierte Bahn Bindweide - Nauroth von 1934, stillgelegt und abgebaut 1974 (oberhalb Kotzenroth, heißt heute Rosenheim) und 2002
Relikte:  Einschnitte, Waldwege

Nahe Kotzenrotherley - Bahnbrücke über Waldweg Straße zur Grube Kotzenrotherley kreuzt "Neubautrasse" nördl. Rosenheim
Im weiteren Verlauf unterbricht die neugebaute Straße Elkenroth - Atzelgift die Trasse, die im Wald stellenweise als verbreiterter Weg zu erkennen ist;  eine Großdeponie sowie eine Kreismülldeponie (an Stelle der Kaolingrube Nauroth) veränderten die Gegend doch stark.
Noch Gleis im Wald östl. Rosenheim
- zwischen Neubaugebiet und Umgehungsstraße

Umfangreiche Relikte der Bergwerksvergangenheit (auch Anschlussgleisdämme) machen die Region zu einem wirtschaftsarchäologischen Paradies.

Links Damm des Agl Bruch Buchenkopf
 - geradeaus WEBA Richtung Elkenroth

 

Die Kerkerbachbahn

(3,7km) Dehrn---

---Kerkerbach---

---Heckholzhausen (15,9km)  ---Hintermeilingen ---Mengerskirchen (35,2km) 
1886-2000   1888-1960 1905-1960 1908-1960

Die meterspurige Kleinbahn war 1886/1888 eröffnet worden um die Bodenschätze der Region zwischen Lahntal und Westerwald günstig abfahren zu können.  Nach Enttäuschungen über das bescheidene Güteraufkommen noch 1905-1908 auf über das Doppelte der ursprünglichen Streckenlänge erweitert kam das Aus wegen Unrentabilität im Jahre 1960.  Der im Lahntal gelegene dreischienige "untere" Ast Kerkerbach-Dehrn lebte unter Regie der DB bis etwa 2000 weiter.
Die ungemein reizvolle Strecke im Tal des Kerkerbachs ist ein wunderschöner Radwanderweg mit Hinweistafeln, trotzdem finden sich zahlreiche Spuren der Eisenbahnzeit:

Bild 1: Das bekannteste Relikt, die Brücke über den Kerkerbach vor der Ortschaft Hofen
Bild 2: Mächtige Stützmauer kurz hinter Kerkerbach
Bild 3: Gut Sichtbar verläuft die Trasse durch das dünn besiedelte Kerkerbachtal, hier zwischen Schadeck und Hofen
Bild 4: Selbst die seit den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts stillgelegten Verladeanlagen in Beselich sind noch vorhanden
Bild 5: Entlang der Strecke findet man zahlreiche aufgelassene Eisenerzgruben. Hier das Mundloch des Christiansstollen unweit der Siedlung Christianshütte.

Fotos: Marcus Müller 2006

 

Literatur:  Wolff, Deutsche Klein- und Privatbahnen Band 1, Freiburg 1989

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